Wenn Sie von der Wertschätzung des individuellen Weges sprechen: Wie kann die Schule den vielfältigen Fähigkeiten und Talenten der Kinder gerecht werden?

Es wird immer spürbarer, dass sich in der Schule ein Wandel vollziehen muss. Die Anforderungen der Gesellschaft und der Wirtschaft haben sich in den letzten 20 Jahren derart verändert, dass sich die Schule neu legitimieren muss. Wenn Sie den Bezug zwischen der Volksschule am Ende des 19./Anfang 20. Jahrhundert zur Gesellschaft, zur Wirtschaft und Industrie betrachten, sehen Sie einen ganz engen Zusammenhang. Unter anderem der autoritäre Erziehungsstil: Der wurde von der Industriegesellschaft benötigt. Denn aufsässige Arbeiter konnte man nicht brauchen. Die Schule hatte also einen hohen Disziplinierungsgrad. Wenn wir heute unsere Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft betrachten, stellen wir fest: Es werden ganz andere Anforderungen an die Menschen gestellt.Es ist nicht einfach so, dass man eine “nettere” Pädagogik will, sondern dass diese Gesellschaft eine andere Pädagogik braucht.

Denn in der Wirtschaft wird nach Leuten verlangt, die nicht warten, bis man ihnen sagt, was sie machen sollen, sondern man sucht sozial kompetente Menschen, die kommunizieren, in Teams arbeiten können etc.

Die Schule beginnt dies langsam zu verstehen. Sie hat einen Auftrag, sie kann nicht an der Gesellschaft und der Wirtschaft vorbei unterrichten. Der Auftrag des Lehrers ist es, die Umgebung so zu gestalten, dass das Kind selbst bestimmt lernen kann. Denn die Gesellschaft will eigenständige Persönlichkeiten.

Man kann nicht Kinder fremd bestimmt erziehen und dann erwarten, dass sie als Erwachsene Verantwortung übernehmen.

Ich frage mich, wie weit solche Vorstellungen in der pädagogischen Ausbildung umgesetzt werden.

Das bedeutet: Ein Grundthema in der Lehrerausbildung muss sein: die Persönlichkeitsentwicklung des Lehrers.

Sagen wir es so: der angehende Lehrer muss selbstbestimmt ausgebildet werden, sonst kann er wohl kaum seine Schüler selbstbestimmt unterrichten.

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