Sie haben gesagt, „Wir haben eine Kultur der Fehler, die zum Teil sehr fatal sein kann.“
Wie wichtig ist die Kultur, die wir pflegen fürs Lernen, und wie wichtig ist da die einzelne Person?
Kultur wird ja über Personen vermittelt.
Vielleicht müssen wir, wenn wir über Kultur reden, auch erst einmal darauf hinweisen, dass fast alles, was wir heute können, Kulturleistungen sind, dass so gut wie nichts, was uns ausmacht, worauf wir stolz sind, aus uns selbst heraus entwickelt wurde, sondern übernommen ist. Angefangen beim aufrechten Gang, den uns jemand gezeigt hat, bis hin zum Bedienen eines Computers, das musste uns auch irgendjemand zeigen. D.h. in viel stärkerem Maße, als wir das denken, sind unsere Kinder, sind wir selbst, ein Ergebnis eines kulturellen Transferprozesses; also eigentlich ein soziales Konstrukt, das durch die Überlieferung von Erfahrungen immer wieder neu konstituiert wird. Eine ganz wesentliche Komponente dieser Überlieferung sind auf der einen Seite Wissensinhalte, die überliefert werden, aber noch viel deutlicher wird die Wichtigkeit dieser transgenerationalen Weitergabeprozesse am Beispiel von Haltungen, inneren Einstellungen, Lebensentwürfen und -konzepten, also gewissermaßen solchen Fähigkeiten oder Einstellungen, die wir benutzen, um das, was um uns herum geschieht, zu bewerten, um unser eigenes Handeln in dieser Gesellschaft zu steuern und einzuordnen. Beispiel hierfür ist die Einstellung anderen Menschen gegenüber. Ob ich einen anderen Menschen als Bruder oder als einen Feind betrachte, macht einen Riesenunterschied. Die Fähigkeit eines Kindes, mit irgendetwas oder irgendjemand in Beziehung zu treten, wird in einem ganz hohen Maße durch die Beziehung geprägt, die das Kind zu seiner erwachsenen Bezugsperson hat.
Ein Kind, das bei einem Vater aufwächst, der ein begeisterter Autofanatiker ist und bei dem sich das Kind einigermaßen wohl fühlt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit begeisterter Autofanatiker werden. Das verankert sich als eine Grunderfahrung im Hirn dieses Kindes, und das gilt ebenso für alle anderen Haltungen und Einstellungen. Diese werden wesentlich beeinflusst durch die Haltungen und Einstellungen der Erwachsenen, bei denen die Kinder aufwachsen. Wenn Kinder plötzlich negative Einstellungen gegenüber der Natur, der eigenen Geschichte, anderen Menschen etc. einnehmen, dann ist das nicht angeboren. Diese beziehungshemmende Eigenschaft ist ihnen von anderen mitgegeben worden, und zwar als außerordentlich unangenehmer Rucksack, an dem sie möglicherweise über Jahre hinweg zu schleppen haben und der sie auch behindert, in Beziehung zu treten. Nur, weil es in der frühen Entwicklung Erwachsene gab, die dem Kind keine Möglichkeit geboten haben, diese Beziehung herzustellen, oder die das Kind sogar daran gehindert haben. Das Bedürfnis in Beziehung zu treten ist bei jedem Kind immens. Eigentlich wollen Kinder mit allem, was sie umgibt, in Beziehung treten und es müssen regelrecht negative Erfahrungen gemacht werden, wenn ein Kind plötzlich anfängt, irgendetwas nicht mehr zu mögen und sich weigert, mit irgendwelchen Phänomenen in Beziehung zu kommen.
Um zu verdeutlichen: Das In-Beziehung-Treten ist wichtig für das Lernen.
Ja, man muss, damit man überhaupt etwas lernen kann, in Beziehung treten, weil dadurch die emotionalen Zentren aktiviert werden. Wenn ich mit etwas in Beziehung trete, heißt das, dass ich mich darauf einlasse, mich davon bewegen und berühren lasse. Unter diesen Bedingungen wird das Ganze zu einer emotionalen Geschichte und in dem Moment kann es besonders gut im Hirn verankert werden.