Sie haben gesagt, dass höchstens für ein Drittel der Kinder die Latte stimmt. Wie wichtig ist es für Kinder, dass sie wahrgenommen werden, dass sie nicht bewertet werden, dass das, was sie bewirkt haben, wahrgenommen wird, vielleicht auch honoriert oder ihnen nochmals bewusst gemacht wird – wie wichtig ist das und wie sehen Sie die Rolle der Eltern, Erzieher, Pädagogen, wer auch immer mit Kindern zusammen ist?

Wir haben ein Problem in unseren Erziehungseinrichtungen und auch in unseren Schulen. Wir müssen Kinder wie eine anonyme Masse betrachten, gewissermaßen versuchen, für die gesamte Gruppe einen Lerninhalt anzubieten, wir müssen versuchen alle Kinder auf die gleiche Qualifikation zu bringen. Die betreffenden Lehrer und Erzieher müssen außerdem noch versuchen, Leistungen zu bewerten. Das bedeutet natürlich, dass man der Individualität des einzelnen Kindes überhaupt nicht gerecht werden kann. Kinder entwickeln sich sehr unterschiedlich mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen, und es kommt deshalb darauf an, dass man als Erzieher oder als Lehrer sehr genau nachschaut, wo die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes bereits sehr gut entwickelt sind und in welchen Bereichen noch Defizite herrschen. Es kommt außerdem darauf an, dass man das Kind immer wieder motiviert, sich dort weiterzuentwickeln, wo bestimmte Defizite vorhanden sind; aber nicht, indem man das Kind abwertet, indem man es bewertet und damit entwertet, sondern es geht darum, dem Kind Mut zu machen in all seinen Lernanstrengungen, es geht darum, Kinder in ihrer Individualität und in ihren Leistungsbemühungen zu wertschätzen. Und wenn man jemanden wertschätzen will, dann muss man in eine individuelle Beziehung mit ihm treten, das geht nicht in einer anonymen Gruppe.

Deshalb wird Erziehung und Bildung nur zu vermitteln sein, indem man mit jedem Schüler in eine Beziehung tritt. Das Ziel wäre natürlich, dass wir es schaffen, möglichst vielen Kindern die Gelegenheit zu bieten, dass sie dieses Gefühl entwickeln können, dass sie selbst gemeint sind. Dass sie nicht als Objekt von Bildungs- und Erziehungsaufträgen behandelt werden, sondern dass sie in ihrer Einzigartigkeit gewertschätzt werden, dass sie in eine Ich-Du-Beziehung treten können mit dem betreffenden Lehrer. Und erst dann, wenn zwei unterschiedliche Menschen miteinander in Beziehung kommen, wird es gelingen, dass die Erfahrungen, die diese beiden bisher gemacht haben, ausgetauscht werden können. Erst wenn etwas verbunden wird, was vorher getrennt war, kann etwas Neues entstehen. Das gilt auch für das Hirn, im Gehirn können Sie auch nur verschiedene Gedächtnisinhalte miteinander in Beziehung bringen, wenn Sie unter druckfreien Bedingungen leben. Erst dann können Sie frei assoziieren, die kreativsten Einfälle entwickeln; bezeichnenderweise gelingt uns das am allerbesten im Traum. Die größten Entdeckungen, die unsere Wissenschaftler gemacht haben, haben sie nicht unter Anstrengung gemacht, sondern wenn sie sich nicht auf etwas fokussiert haben, es fiel ihnen plötzlich ein. Und es war meistens kurz vor dem Aufwachen oder im Schlaf oder kurz vor dem Einschlafen, also unter Bedingungen, wo man meinen sollte, dass man gar nicht unter optimaler Denkbereitschaft ist. Aber das scheint gerade notwendig zu sein, dass man die Fähigkeit entwickelt, sich nicht auf etwas ganz Bestimmtes zu fokussieren, weil es erst unter diesen Bedingungen möglich wird, schöpferisch-kreativ zu sein, möglichst vieles, was man weiß, was man als Erinnerungen im Hirn gespeichert hat, zu verbinden und miteinander zu einer neuen Qualität zu verknüpfen. Das Gleiche gilt nun offenbar auch für die Art und Weise, wie Menschen miteinander in Beziehung treten. D.h. das Ziel unserer Bemühungen müsste immer sein, dass wir mit anderen Menschen in eine Beziehung kommen, die solche Austausch- und kreativen Prozesse ermöglicht.

Die Realität sieht bedauerlicherweise so aus, dass es meist eher hierarchische Beziehungen sind, die sich immer wieder ergeben: oben der Lehrer, unten der Schüler, oben die Eltern, unten die Kinder. Da findet allzu häufig keine Beziehung statt, „die oben“ reden an „denen unten“ gewissermaßen vorbei. Jeder hat seine eigene Vorstellungswelt, die unten hören nicht zu, was der oben sagt, die oben achten nicht auf das, was die unten zu sagen haben, und so kommt man nicht miteinander in Beziehung. Nun kann man nicht verlangen, dass die, die noch jünger sind und kleiner und noch nicht so viele Erfahrungen haben, die Beziehung herstellen. Diejenigen, die sich auf die Beziehung einzulassen haben, sind immer die Älteren, die im Augenblick oben stehen. Sie müssen herunter, sich sozusagen hinknien, damit sie mit dem Kind auf Augenhöhe kommen. Dann kann ein Austauschprozess stattfinden, und zwar etwas Großartiges: Dann wird man feststellen, dass nicht nur das Kind auf einmal in der Lage ist, sich das, was der Erwachsene an Fähigkeiten und Fertigkeiten hat, selbst anzueignen, sondern plötzlich entdeckt dann auch der Erwachsene, dass das Kind ja eigentlich über Fähigkeiten verfügt, die ihm längst abhanden gekommen sind. Das bedeutet, dass man als Erwachsener wieder von den Kindern lernen kann. Die Kinder zeigen uns, dass es möglich ist, unglaublich neugierig zu sein, offen zu sein, wie wir das längst verloren haben, dass man Dinge denken kann, die wir längst aufgegeben haben zu denken, dass man Bewegungsformen ausführen kann, die wir längst nicht mehr in der Lage sind auszuführen, d.h. in den Dingen, auf die es wirklich ankommt im Leben, sind eigentlich die Kinder die Vorbilder. Das kann man aber nur sehen, wenn man mit den Kindern auch in eine Beziehung in Augenhöhe geht, dann können solche Austauschprozesse stattfinden.

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