Wie wichtig ist Üben? Und welche Bedeutung hat der Fehler beim Lernen?
Wie gehen wir mit Fehlern in unserer Gesellschaft um?

Wenn man Kinder beobachtet, die irgendetwas gelernt haben, dann wird man feststellen, dass sie von allein das Bedürfnis entwickeln, das Gelernte immer wieder zu üben, weil jede neue Fähigkeit, die man sich angeeignet hat, einem selbst ein Stück mehr Sicherheit gibt. Deshalb wird jedes Kind etwas Neues, mit dem es im Leben auch etwas anfangen kann, selbstständig weiterüben, so lange, bis es perfektioniert ist. Kinder braucht man nicht zum Fahrrad fahren anzuleiten, das machen sie von ganz alleine, und so läuft es mit allem anderen auch. Kinder legen sich eigentlich auch – und das sieht man im freien Spiel – selber die Latte jedes Mal noch ein Stückchen höher. Wenn Kinder nicht in der Gegenwart von Erwachsenen, sondern aus eigenem Antrieb und unter ihren eigenen Intentionen spielen können, dann wird man sehen, dass jedes Kind sich die Aufgaben immer genau so legt, dass sie ein kleines bisschen über das hinausgehen, was es schon kann. In den normalen Unterrichtsformen, die wir in Erziehungseinrichtungen und auch in  Schulen erleben, ist es häufig so, dass die Latte für eine Gruppe von Kindern auf eine bestimmte Höhe gelegt wird, das ist die Anforderung, die dem Durchschnitt entspricht, und das Ergebnis ist, dass meist ein Drittel dieser Kinder die Latte zu niedrig findet. Es ist für sie zu banal, weil sie das schon längst können. Sie sind dann unruhig in der Gruppe. Für ein weiteres Drittel der Kinder liegt die Latte aber zu hoch, d.h. sie haben gar keine Chance drüberzuspringen, sie geben auf, beschäftigen sich auch nicht weiter mit der gestellten Aufgabe, sind ebenfalls unruhig. Am Ende liegt die Latte bestenfalls richtig für ein Drittel, aber das kann nichts lernen, weil zwei Drittel abgeschaltet haben und unruhig sind. Das ist natürlich eine fatale Situation.

Das zweite Problem ist unsere Fehlerkultur. In unserer Gesellschaft ist offenbar in Vergessenheit geraten, dass man ja eigentlich nur aus Fehlern lernen kann. Der wichtigste Motor für das Lernen sind die von einem selbst gemachten
Fehler. Wenn nun eine Kultur entstanden ist, die Fehler bestraft, dann beraubt man sich und die Kinder der Möglichkeit, aus diesen Fehlern immer wieder lernen zu können. Im Grunde wäre es hirntechnisch viel angenehmer, eine Kultur zu haben, in der sich jeder freut, wenn er wieder mal einen Fehler gemacht hat, weil ihm das die Gelegenheit gibt, es beim nächsten Mal anders zu machen. Noch eine Dimension schlimmer wird es dann, wenn wir die Fehler, die ein Kind macht, dazu benutzen, das Kind und dessen Leistung zu bewerten. Das ist natürlich ganz fatal, weil man das Kind auch noch dafür bestraft, dass es einen Fehler gemacht hat. Das Ergebnis ist, dass das Kind überhaupt nicht mehr aus Fehlern lernen kann. Wenn man für Fehler bestraft wird, hat man von Anfang an Angst davor, welche zu machen, man kommt unter Druck, ist verunsichert, und unter diesen Bedingungen kann man komplexere Hirnleistungen nicht mehr bewerkstelligen.

Das bedeutet auch, wenn das Kind in der Schule unter Druck ist, kann es eigentlich nicht lernen.

Ja, es gibt z.B. Untersuchungen in Deutschland, dass 40% der Schüler Angst haben, in die Schule zu gehen. Und das wissen wir aus allen Untersuchungen, die wir bisher gemacht haben: Wenn Menschen in Situationen geraten, wo sie verunsichert werden, Angst haben, unter Druck kommen, reagiert das Hirn mit einem Rückfall in Notfallhandlungsmuster. Es wird auf Bewährtes zurückgegriffen, was man schon gut kann, und das primäre Ziel ist lediglich, dieser entstandenen Verunsicherung und Angst auszuweichen. Unter solchen Bedingungen können hochkomplexe Lernleistungen nicht vollbracht werden, weil in den höheren Bereichen des Hirns, in denen dies stattfnden sollte, so genannte unspezifsche Erregung herrscht, d.h. ein so hohes Maß an Erregung, dass keine neuen Netze geschaltet werden können.

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