Wie lernt das Hirn? Wie lernt das Hirn eines Kindes? Anders als das eines Erwachsenen?
Und was ist zu beachten, in welchem Alter reift das Hirn auf welche Weise?
Im Grunde lernt das kindliche Hirn wie das erwachsene, es ist in beiden Fällen so, dass es etwas Neues im Grunde gar nicht lernen kann, sondern dass es immer nur möglich ist, etwas Neues, was man erfährt, an etwas anzuhängen, was schon da ist. Es muss assoziierbar sein, anknüpfbar an vorhandenes Vorwissen. Nun ist es so, dass Kinder eine ganze Menge Vorwissen schon auf die Welt mitbringen. Das muss auch so sein, sonst würde dieses Prinzip gar nicht gelten, d.h. es wird auch intrauterin (in der Gebärmutter liegend) eine Menge gelernt, es werden intrauterin Bewegungsmuster eingeübt und in Form von sensomotorischen Verschaltungsmustern verankert, es werden schon Erfahrungen gemacht, z.B. über die Sprachmelodie, deshalb ist Kindern die Melodie der Sprache ihrer Mutter schon vertraut. Und deshalb werden sie sehr viel leichter als jede andere Sprache dann die ihrer Mutter lernen. Angeborene Spracherkennung nennt man dies. So wird schon eine Menge mit auf die Welt gebracht, was benutzt werden kann, um neue Erfahrungen anzuknüpfen, und das ist ähnlich wie beim Erwachsenen.
Das gilt auch für das zweite Prinzip: Man kann das am besten lernen, was „unter die Haut“ geht. Immer dann, wenn eine Erfahrung gemacht werden kann, wenn man eine Wahrnehmung macht, die gleichzeitig auch zur Aktivierung der emotionalen Zentren führt – das ist das sogenannte limbische System, eine ältere Hirnregion, die unter dem Kortex liegt und immer dann in Erregung kommt, wenn etwas emotional wird, wenn das, was man erfährt, anders ist als das, was man erwartet –, dann geht es unter die Haut. Dies kann negativ sein, dann wird es als Bedrohung empfunden oder, und das ist das, was wir uns wünschen bei Kindern, positiv, wenn etwas besonders gut gelungen ist und man sich bestätigt fühlt. Und immer dann, wenn es unter die Haut geht, dann werden bestimmte Nervenzellgruppen in diesem limbischen System mitaktiviert. Die Nervenzellen haben sehr lange Fortsätze, die bis in die höheren Hirnbereiche reichen, und an den Enden dieser Fortsätze werden Botenstoff e ausgesendet, die wir neuroplastische Botenstoffe nennen. Dazu gehören z.B. das Dopamin, endogene Opiate, verschiedene Peptidhormone oder peptidartige, das sind Eiweißbruchstücke, Peptidtransmitter, Vasopressin beispielsweise, Cortikotropin; sie haben alle die Fähigkeit, folgende Nervenzellen, die dieses Signal bekommen, dazu zu veranlassen, ihre Genexpression noch einmal neu zu verändern, also neue Eigenschaften zu entwickeln. Diese Nervenzellen fangen an, vermehrt solche Eiweißstoffe herzustellen, die man braucht um neue synaptische Verbindungen zu bilden, und auf diese Weise kann, was man in diesen Situationen erfährt, wahrnimmt oder lernt, besonders gut im Hirn verankert werden. Das ist bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen, nur kommen Kinder wesentlich häufiger in solche emotionalen Erregungszustände, deshalb können sie so unglaublich viel lernen und es auch sehr gut behalten.
Bei Erwachsenen ist es so, dass die emotionalen Zentren nur noch sehr selten aktiviert werden. Man findet sich als Erwachsener mit den Kenntnissen und Fähigkeiten, die man hat, schon viel besser in der Welt zurecht, es tritt nur noch selten eine Situation ein, in der man sich durch irgendetwas bedroht fühlt oder verunsichert wird oder dass man hin und wieder mal eine freudige Überraschung erlebt. Ein Punkt allerdings ist beim Lernen vor allem in der frühen kindlichen Entwicklung grundsätzlich anders als beim Erwachsenen. Das ist der Umstand, dass eigentlich jedes Netzwerk, jede Region im Hirn – nehmen wir beispielsweise das Sprachzentrum oder diesen frontalen Kortex – immer das gleiche Muster durchläuft:
Die Zellen werden erst einmal hergestellt und an den entsprechenden Plätzen abgelagert, und dann fangen die Nervenzellen, die in dieser Region liegen, zu einem bestimmten Zeitpunkt an, lauter Fortsätze auszuwachsen und untereinander zu verbinden, es wird ein riesiger Überschuss an synaptischen Verschaltungsangeboten hergestellt. In diesen Phasen, wo das wunderbare große Angebot an Verschaltungsmustern bereitgestellt wird, muss optimalerweise auch Input kommen, es müssen also bestimmte Erfahrungen gemacht werden, die dazu führen, dass in diesen Regionen auch ein entsprechendes Erregungsmuster entsteht. Je häufiger ein bestimmtes Erregungsmuster aufgebaut werden kann, desto besser werden die dabei aktivierten Verschaltungen miteinander verknüpft und alles, was eben nicht während dieser Phase aktiviert wird, wird wieder „weggeräumt“. Diesen Umstand muss man natürlich optimal auszunutzen versuchen, d.h. in einer Phase, in der dieses Sprachzentrum beispielsweise gerade so ein Überangebot bereitstellt, ist es natürlich auch optimal, wenn Sprache angeboten wird, wenn also das Kind Gelegenheit bekommt, möglichst viel zu sprechen. Manche Hirnforscher nennen das dann sensible oder kritische Phase. Diese kritischen Phasen sind im Wesentlichen bei Versuchen mit Tieren identifiziert worden. Natürlich sind die kritischen Phasen bei den Versuchstieren viel kürzer, diese Fenster viel enger und das ganze Geschehen läuft viel dramatischer ab, d.h. wenn man in dieser Phase keine Nutzung dafür hat, dann bricht das ganze System zusammen.
Beim Menschen sind diese Phasen weit auseinander gezogen, sodass es lange offen stehende Fenster sind, die man auch nachträglich relativ gut nutzen kann, wenn es in der entsprechenden Phase nicht geht, gelingt es meist auch noch später. Mit anderen Worten, wenn ein Kind nicht in der Phase das Schreiben lernt, in der das alle anderen tun und wo es besonders günstig ist, heißt das nicht, dass es nicht auch mit zehn oder elf immer noch das Schreiben erlernen kann. Deshalb ist es in jedem Falle sinnvoll, Kinder weiter zu fördern, auch wenn eine solche Phase möglicherweise schon in ihrem Höhepunkt vorbei ist.