Was ist Lernen? Eine reine Aneignung von Wissen oder geht es beim Lernen um mehr?
Wenn wir vor allem darüber reden, wie Kinder lernen, geht es um wesentlich mehr als das, was wir als Wissensaneignung verstehen. Kinder lernen gewissermaßen in den ersten Lebensjahren ihren gesamten Körper kennen, die Bewegungskoordination, die Grob- und Feinmotorik muss gelernt werden; sie müssen lernen, Beziehungen zu anderen aufzubauen; sie müssen lernen, im Gesicht des anderen zu erkennen, wie es ihm geht; sie müssen lernen, sich selbst auszudrücken, usw. Dies macht deutlich, dass wir mit einem engen Lernbegriff , den wir bisher zugrunde legen, eigentlich nur einen geringen Teil abdecken.
Das so genannte Sachwissen, Dinge die wir auswendig lernen, wird in relativ kleinen Bereichen der Großhirnrinde abgespeichert. Alle anderen lebenswichtigen Aufgaben, die das Hirn zu erfüllen hat, speichern wir in den darunter liegenden und viel älteren und ausgedehnteren Bereichen des Hirns ab. Wir trennen das gern, damit es deutlich wird, in so genannte wissensabhängige Kompetenzen, die Kinder erwerben (Sachwissen, Sprachen usw.) und wissensunabhängige Kompetenzen, dies sind Fähigkeiten, die ein Kind erwirbt und die ihm helfen, sich im Leben zurecht zu finden. Problemlösungskompetenz ist z.B. so eine wissensunabhängige Fähigkeit. Diese Kompetenz muss ein Kind erst einmal entwickeln, sie kann man nicht unterrichten, dazu brauchen die Kinder Erfahrungen, brauchen Spiel- und Erfahrungsräume, in denen sie diese Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen können. Das Gleiche gilt für das Planen von Handlungen und das Abschätzen der Folgen; auch die Fähigkeit, Impulse oder Bedürfnisse, die aus älteren Bereichen des Hirns kommen, zurückstellen zu können, Impulskontrolle wäre so eine wichtige Fähigkeit, Frustrationstoleranz und dann vor allem die so genannte intrinsische Motivation. Wenn wir Kinder zu sehr von außen erziehen und bilden wollen, laufen wir Gefahr, dass wir den Kindern etwas überstülpen.
Man kann das mit Dressurleistungen bei Hunden vergleichen. Hunde kann man wunderbar abrichten, aber das ist nicht intrinsisch, das ist extrinsisch, von außen draufgesetzt. Und worauf es ankommt, ist, dass man Kindern Gelegenheit gibt sich am Lernen selber zu begeistern.
Das muss eigentlich nicht gelernt werden, weil das alle Kinder mit auf die Welt bringen, das ist die Urform des Lernens. Jedes Neugeborene ist ein begeisterter Lerner, und zwar intrinsischer Lerner. Wenn diese innere Freude am Lernen, diese Neugier am eigenen Körper, an dem, was es in der ganzen Lebenswelt zu entdecken gibt, irgendwann verschwindet und Kinder dann sozusagen „null Bock“ auf das Lernen haben, ist das nicht angeboren, sondern etwas, was wir erzeugt haben. Und deshalb müssen wir uns doch sehr eingehend mit der Frage befassen: Was machen wir falsch? Oder was haben wir bei den Kindern falsch gemacht, was ist schief gegangen bei denen, die die Lust am Lernen verloren haben?
Ich würde gern noch etwas mehr auf die Selbstwirksamkeit eingehen.
Selbstwirksamkeit ist das Wichtigste überhaupt, was ein Kind erlernen muss. Es muss eine innere Vorstellung – wir nennen es gerne inneres Bild oder Repräsentanz – entwickeln; und die wird angelegt im frontalen Kortex, also im Stirnhirn, in Form von sehr komplexen Verschaltungsmustern während der Kindheit, und zwar nur dann, wenn Kinder auch die Erfahrung machen, dass sie mit ihrem Handeln etwas bewirken können.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie ich dieses Konzept unterminieren kann. Das wäre immer dann der Fall, wenn Kinder in Umgebungen aufwachsen, wo wenig zu bewirken ist. Erwachsene, die nicht auf das Kind reagieren, machen ihm das Selbstwirksamkeitskonzept kaputt. Geräte oder Spielzeug, das so perfekt und so fertig ist, dass es keine Interaktion gibt, dass das Kind eigentlich nichts weiter machen kann als einen Knopf ein- oder auszuschalten, geben ihm keine Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren. Wenn Kinder das erste Mal vor einem Fernsehgerät sitzen oder davorgesetzt werden, dann haben sie meistens das Konzept der Selbstwirksamkeit und versuchen dann mit den Figuren im Fernseher zu reden; versuchen auch mitzuteilen, wo die hingehen und was sie machen müssten. Aber nach einiger Zeit wird man feststellen, dass Kinder irgendwann damit aufhören, d.h. da ist ein Teil dieses vorhandenen Selbstwirksamkeitskonzeptes wieder zusammengebrochen. Das Kind hat dann eine ganz wichtige Erfahrung gemacht, die aber für den weiteren Lebensweg sicher nicht so sehr vorteilhaft ist, nämlich die Erfahrung, dass es in bestimmten Situationen, zumindest vor diesem Fernseher, eben nichts bewirken kann.
Und das ist eingeprägt im Gehirn.
Das wird als Erfahrung im Gehirn abgespeichert und bringt das Kind in eine sehr passive Haltung. Es kann nur konsumieren, aber es kann nicht interagieren. Das sind fatale Grundmuster, die nur sehr schwer wieder auflösbar sind. Das Kind muss dann viele anderen Erfahrungen machen, die ihm sein Selbstwirksamkeitskonzept wieder festigen.